Kurzgeschichte: Die letzte Zuflucht

Ich möchte eine Kurzgeschichte vorstellen, die fast in Vergessenheit geraten war. Nicht, weil ich „keinen Bock mehr drauf“ gehabt hätte oder Ähnliches, sonder weil mir tatsächlich das Schreiben schwer gefallen ist. Ich bin ein sehr visueller Mensch. Alles was ich schreibe, stelle ich mir auch bildlich vor (sofern möglich).

Angespornt, von der Ausschreibung eines Schreibwettbewerbs zum Thema „Vegan“, habe ich die Geschichte wieder ausgegraben und mühsam vollendet.

Die Kurzgeschichte thematisiert Massentierhaltung und Tiere im Zirkus. Ich habe versucht, den Blickwinkel der Tiere darzustellen respektive möchte ich mit der Geschichte etwas aufrütteln und die Sichtweise erweitern. Ich will niemanden „belabern“ sich vegan oder vegetarisch zu ernähren, aber jeder sollte sich, meiner Meinung nach, Gedanken darüber machen, etwas bewusster zu essen.

Bevor ihr anfangt zu lesen, hier noch der Hinweis: Wer sensibel zu dieser Thematik steht, wird gleich etwas Schockierendes lesen und eventuell treibt es auch die ein oder andere Träne ins Auge. Meine Kurzgeschichte basiert nicht auf furchtbarer Fantasie, sondern auf tatsächlichen Videos, Berichten und Fotos die ich gesehen habe!

 

 

 

Die letzte Zuflucht

Eine Hühnerfarm

Kuruk öffnete müde die verkrusteten Augen. Ihre Füße und Flügel schmerzten. Sie versuchte, sich nicht zu bewegen. Der Geruch von entzündetem Fleisch, Blut und Fäkalien brannte in ihren Nasenlöchern. Daran gewöhnte sie sich niemals. Kuruk vergrub den Schnabel so gut es ging unter ihrer nackten Achsel.

Trotz der überwältigenden Müdigkeit, hielt sie etwas wach. Sie hob langsam den Kopf und versuchte, in der Dunkelheit der Stallung etwas zu erkennen. Es gelang ihr nicht. Die winzigen Fenster, ganz oben an der Hallendecke, ließen so gut wie kein Licht herein. Selbst wenn, ihre Augen waren so entzündet, dass sie auch bei Tag kaum etwas sehen konnte.

Durch die Bewegung wurden ihre unmittelbaren Nachbarn etwas unruhig. Es gab keinen Platz. Körper an Körper lagen die Hennen beieinander.

Kuruk blinzelte. Sie spürte etwas. Eine Energie lag in der Luft, wie sie es noch nie zuvor gespürt hatte.

 

Ein Mastbetrieb

Gequält schrie Eow auf und stürzte auf den harten Steinboden. Ihre Knie waren aufgeschlagen, doch der Schmerz im Unterleib nahm ihr fast die Sinne. Der Peiniger hatte mit Kraft gegen ihren Bauch getreten. Sie war nicht schnell genug auf die Holzplanken gegangen. Sie führten in einen finsteren Raum, der ihr unheimlich erschien.

Nun hatte sie Angst um ihr Baby. Sie spürte die Bewegung in ihrem Leib. Sie fürchtete, es müsste sterben. Vor Angst schrie sie erneut und bemühte sich, wieder auf die Beine zu kommen.

Ein erneuter Schlag mit der Eisenstange traf sie hart auf die Beckenknochen. Es knackte. Verzweifelt sprang sie ein Stück vor und war nun auf den Holzplanken, die in das dunkle Ungewisse führten. Sie nahm all ihre Kraft zusammen und ging vorwärts.

Hinter sich hörte sie weitere Schreie ihrer Leidensgenossen, die ebenfalls von den Peinigern getreten und geschlagen wurden.

Eow hielt inne. Es ging nicht weiter. Vor ihr standen weitere Herdenmitglieder und traten unruhig auf dem glitschigen Boden hin und her.

Hinter ihr wurden die Holzplanken mit einem heftigen Knall weggezogen und ein lautes Geräusch versetzte den Raum in völlige Finsternis.

Eow stöhnte erschöpft. Die Schmerzen an ihrem Körper waren unerträglich. Sie sorgte sich um ihr Baby. Sie spürte keine Bewegung mehr.

Mit einem heftigen Ruck setzte sich der Raum auf einmal in Bewegung. Panik breitete sich aus. Niemand wusste was geschah und die Unruhe wollte sie zur Bewegung animieren. Doch es gab keinen freien Fleck mehr. Nirgends konnten die nervösen Hufe ausweichen und die Kühe begannen sich gegenseitig zu treten.

Plötzlich roch Eow etwas. Es hatte eine merkwürdig beruhigende Wirkung auf sie. Ihr Kopf zuckte unwillkürlich in die Höhe und sie versuchte, etwas zu riechen. Es roch … sie konnte es nicht einordnen. Es roch köstlich.

 

Ein Zirkus

Langsam und regelmäßig bewegte Ruhr ihren Kopf – links, rechts, links, rechts – immer und immer wieder. Die Wunde über ihrem Ohr schmerzte und pochte. Das Blut trocknete langsam.

Der Hieb mit der Hakenstange war sehr tief gegangen, der Heilungsprozess würde diesmal länger dauern.

Die aufgeriebene dicke Haut unter den Beinfesseln merkte sie kaum noch, es war alles taub geworden.

Sie wollte so gern schlafen, doch jedes Mal, wenn sie ihre Augen schloss, sah sie den wütenden Peiniger mit der Hakenstange, wie er immer und immer wieder ausholte und auf sie einschlug. Warum er so wütend war, wusste Ruhr nicht. Sie versuchte, immer alles zu machen, was von ihr verlangt wurde. Dennoch schlug er zu. Diesmal auf ihr Ohr. Sie hatte auf die Knie gehen sollen. Doch ihre Beine taten so weh, dass sie nicht hinunterkam. Ihr ganzer ausgemergelter Körper hatte vor Schmerz geschrien, als sie es versuchte. Der Peiniger hatte immer weiter hinter ihr Ohr geschlagen, um ihr zu verstehen zu geben, was sie tun sollte. Er wollte nicht begreifen, dass sie nicht mehr konnte.

Für heute war es vorbei, was würde aber morgen geschehen?

Sie hielt inne. Was war das? Was spürte sie da? Sie bewegte sich wieder – links, rechts, links, rechts – sicher spielte ihr der Verstand nur einen Streich.

Sie hielt erneut inne. Nein. Kein Streich. Was war das für ein merkwürdiges Gefühl?

 

Eine wunderbare Welt

Kuruk, Eow und Ruhr öffneten die Augen. Verwirrt blinzelten sie in die strahlende Sonne. Der Himmel war unendlich hellblau. Vereinzelt zogen kleine, weiße Wolken vorbei. Sie hörten Vögel zwitschern und Insekten summen. Alles wirkte so friedlich und ruhig.

Die Wärme der Sonne fühlte sich herrlich auf dem dichten Gefieder von Kuruk, dem glänzenden Fell von Eow und der dicken Haut von Ruhr an.

Kuruk breitete ihre Flügel aus und schüttelte sich. Kein Schmerz, der sie durchzuckte. Ungläubig schaute sie auf ihren Körper, hob ein Bein und scharrte sich am Schnabel. Ein lauer Wind zog auf und Kuruk atmete tief ein. Kein beißender Gestank, sondern ein süßer Duft lag in der Luft und schmeichelte sich in ihre Nasenlöcher.

Eow setzte vorsichtig einen Huf vor den anderen. Der Boden war weich. Was war geschehen? Sie fühlte sich federleicht und … hungrig? Sie hatte schon lange keinen richtigen Appetit mehr gehabt. Aber der Geruch, der ihr in die Nüstern stieg, war zu verführerisch. Neugierig senkte sie ihren Kopf. Auf dem weichen Boden roch sie Gras. Saftiges, köstliches Gras. Eine Wiese. Eow hatte davon gehört. Vorsichtig biss sie ein Büschel ab und begann genüsslich zu kauen.

Ruhrs Rüssel schwenkte hin und her und nahm begierig die frischen Düfte auf, die sie glaubte schon lange vergessen zu haben. Sie witterte Wasser und schaute in die Ferne. Sie sah einen glitzernden, breiten Bach, der sich mitten durch die blumenbunte Wiese schlängelte. Bemüht streckte sie ihren Rüssel, ob sie ihn vielleicht erreichen konnte. Noch wagte sie nicht, sich zu bewegen.

Die Drei waren irritiert. Keiner von ihnen wusste, wie sie hierhergekommen waren. Doch noch nie in ihrem Leben, hatte sich etwas so richtig und so gut angefühlt.

Vorsichtig und behutsam begannen sie, die Umgebung zu erforschen. Sie tasteten, rochen und schauten sich um. Sie reckten die Köpfe und sogen begierig die herrlichen Eindrücke auf.

Eow spürte eine Bewegung in ihrem Bauch. Ihr Baby war am Leben. Beglückt wagte sie einige Hüpfer über die Wiese und konnte kaum fassen, wie beschwingt sie sich fühlte.

Kuruk beobachtete Eow, flatterte fröhlich mit den Flügeln und reckte sich himmelwärts. Sie war vollkommen gesund. Was für eine wunderbare Welt das war! Munter begann sie auf dem Boden zu picken und erhaschte den ersten Wurm ihres Lebens.

Ermutigt von den anderen, wagte nun auch Ruhr sich zu bewegen. Sie tastete ihre Fußfesseln und ihre Ohren. Nichts. Keine Verletzungen. Sie fühlte sich stark und voller Leben. Aufgeregt trompetete sie und setzte sich in Bewegung. Sie wollte zu dem Bach und das duftende Wasser kosten.

Kuruk und Eow schlossen sich ihr an.

An dem Bach angekommen, bewunderten die Drei seine gurgelnde Schönheit. Das Wasser war klar und frisch. Auf dem Boden konnten sie algenbesetzte Steine und kleine Fische erkennen, die sich unnachgiebig gegen den Strom warfen.

Ruhr wagte als erste ihren Rüssel in das Wasser zu tauchen und begann zu trinken. Ein himmlischer Geschmack, der Erinnerungen in ihr wachrief. Erinnerungen an eine Zeit, bevor die Peiniger sie eingesperrt hatten. Sie schüttelte den Kopf und vertrieb die unliebsamen Gedanken. Spielerisch nahm sie Wasser mit dem Rüssel auf und spritze Eow und Kuruk nass. Sie schüttelten sich und freuten sich über die glitzernden Wasserperlen, die durch die Luft flogen. Dann tranken sie ebenfalls. Ihre Augen leuchteten, als das kühle Nass ihre Kehlen hinunterglitt. Was konnte man sich mehr wünschen?

Mit wiedergewonnener Lebensfreude tobten, stampften und stürmten sie durch das Wasser.

Nach einiger Zeit waren sie erschöpft. Kuruk machte es sich auf einem Fleckchen Erde gemütlich, zog die Beine unter sich und begann zu dösen. Eow machte sich über das saftige Gras her. Sie konnte nicht genug davon bekommen und rupfte Büschel um Büschel. Ruhr, in der Zwischenzeit, hatte sich zu einem dicken Baum in der Nähe begeben und schubberte sich genüsslich an ihm. Befriedigt nahm sie die wunderbar warme Sonne auf ihrem Rücken wahr und lauschte dem seichten Wind. Müde blickte sie zu Eow, die ebenfalls zufrieden begonnen hatte zu dösen. Ruhr nickte ein.

 

Eine Hühnerfarm, ein Mastbetrieb, ein Zirkus

Das Licht ging surrend an und Kuruk schreckte aus ihrem Schlaf. Sie war kurz irritiert und versuchte aufzustehen. Ihre Beine ließen sie im Stich und ein fürchterlicher Schmerz lähmte ihre Flügel. Erschrocken begann sie heiser zu gackern. Sie hörte die Peiniger kommen. Sie sammelten die Eier ein.

Mit einem Schlag wusste sie wieder, wo sie war. Sie hatte nur geträumt. Dieser wundervolle Ort war nichts als ein Hirngespinst gewesen, ein letzter Zufluchtsort. So ein Ort konnte nicht in der wirklichen Welt existieren. Kuruk fühlte sich unendlich schwach. Sie hatte keine Kraft mehr und war so fürchterlich müde. Erschöpft bemühte sie sich, ihren Kopf zurück unter den nackten Flügel zu schieben. Die kalten Gitterstäbe unter sich, spürte sie nicht einmal mehr.

Der Laster bremste ruckartig. Eow öffnete erschrocken die Augen und muhte verwirrt. Sie stand Körper an Körper mit ihren Herdenmitgliedern, die von dem plötzlichen Stopp ebenfalls in Aufregung versetzt wurden. Eow wusste sofort wieder, wo sie war. Der herrliche Ort war nur ein Traum gewesen, ihr letzter Zufluchtsort.

Hinter sich hörte sie lautes Poltern, als die Türen geöffnet wurden. Es wurde heller. Mit grollenden Stimmen forderten die Peiniger, dass die Kühe sich in Bewegung setzten und schlugen mit Eisenstangen gegen den Laster.

Panisch begann die Herde sich schubsend in Bewegung zu setzten und nach draußen zu drängen. Ähnlich einem Spießrutenlauf, wurden einige der Kühe von den Eisenstangen der Peiniger getroffen und brachen schreiend zusammen. Eow entkam der Wut dieses Mal. Als sie aus dem Laster heraus trat, schlug ihr sofort der bestialische Gestank in die Nüstern. Es roch nach Angst, Fäkalien und Blut. Je näher sie dem Gebäude vor sich kamen, um so schlimmer wurde der Gestank. Eow konnte Schreie hören. Es waren Todesschreie. Eow wusste nun, dass hier alles enden würde. Traurig dachte sie an das bewegungslose Baby in ihrem Bauch. Gut, dass es nie geboren worden war.

Ruhr wurde unsanft von dem morgendlichen Gebrüll vor ihrem Zelt geweckt. Wie jeden Morgen, seit nunmehr 15 Jahren. Der Peiniger würde ihr gleich muffiges Heu und fauliges Wasser zum Frühstück bringen. Sie wünschte sich zurück in den wunderbaren Traum, ihrem letzten Zufluchtsort. Ihr Ohr schmerzte. Die Wunde hatte sich entzündet. Auch ihre Beine spürte sie kaum noch. Erschöpft lag ihr ausgemergelter Körper am Boden, unfähig sich aufzurichten. Selbst wenn sie gekonnt hätte, sie wollte nicht mehr aufstehen. Sie wollte nur noch träumen. Ruhr hatte all ihre Kraft aufgebraucht, sie hatte getan was sie konnte. Es war nichts mehr übrig. Ihr Blick war glasig. Langsam fielen ihr die Augen wieder zu.

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